Verhältnis zwischen Lehrpersonen und Eltern

(Bild: Gaetan Bally / Keystone / NZZ)

Leserbrief vom 14.10.2016 zum Artikel «Für eine gute Schule» von Jürg Frick, NZZ 5.10.2016.

„Viele Lehrpersonen seien überlastet und manche litten unter Burnout-Symptomen, konstatiert Jürg Frick. Von verschiedenen Seiten stünden sie unter Druck: von Bildungsbehörden und den von ihnen verordneten Reformen, vom Anspruch, jedes Kind optimal fördern zu müssen, von zum Teil überrissenen Erwartungen der Eltern. Um diesem Druck besser standhalten zu können, fordert Frick mehr Investitionen in das «Kerngeschäft» der Schule.

Mit mehr Ressourcen allein kann man den erwähnten Druck mildern, aber nicht so weit reduzieren, dass die Lehrpersonen erspriessliche Arbeitsbedingungen haben. Dazu müsste man sich von der Illusion verabschieden, mit einem Schulmodell alle Kinder optimal fördern zu können. Ebenso wenig wie ein Schuhmodell für alle Füsse passt, kann ein Schulmodell den Bildungsbedürfnissen aller Kinder gerecht werden. Es braucht dazu Schulen mit verschiedenen pädagogischen Konzepten und Schwerpunkten.

Unterschiedliche Vorstellungen von einer «guten Schule» sind Ursache mancher Konflikte zwischen Eltern und Schule. Um die Schule bezüglich solcher Konflikte zu entlasten, sollte man nicht länger festhalten an der vom Staat arrangierten Zwangspartnerschaft zwischen Schule und Eltern. Eine von den Eltern frei gewählte Partnerschaft trüge wesentlich zu einem entspannteren Verhältnis zwischen Lehrpersonen und Eltern bei. In einem System mit freier Schulwahl könnten Lehrpersonen allzu fordernde Eltern auch einmal darauf hinweisen, dass sie die Möglichkeit haben, eine andere Schule zu wählen, wenn sie nicht zufrieden sind.“

Von Erwin Ogg, Rapperswil-Jona

Originalbeitrag in der NZZ: „Für eine gute Schule“

Dieser Gastbeitrag erschien in der NZZ am 5.10.2016

Sparmassnahmen in der Bildung werden zum Bumerang. Statt zu sparen, wären deutlich mehr Investitionen in das Kerngeschäft der Schule zu tätigen.

Die Schule steht stark im Fokus der öffentlichen Diskussion und in der Kritik. Zwar machen sehr viele Schulen, Lehrpersonen, Schulleitende und Eltern ihre Arbeit gut. Das ist erfreulich. Trotzdem stelle ich einige Veränderungen fest. So sind viele Lehrpersonen überlastet, und so manche leiden unter Burnout-Symptomen. Es ist erstaunlich, was Lehrer heute – neben dem eigentlichen Berufsauftrag, dem Unterrichten – nebenbei noch alles zu bewältigen haben: unzählige Qualitäts- und Projektgruppen, Schulevents, Sitzungen und Absprachen mit diversen Fachpersonen, Elterngespräche, administrative Aufgaben usw. Eine Kompensation dafür hat nicht stattgefunden, d. h., die Lehrpersonen leisten diese Arbeit immer noch zusätzlich, häufig nach dem anstrengenden Unterricht. Hilferufe der Lehrkräfte und der Berufsverbände verhallen bis jetzt ungehört.

Dazu kommen überhöhte Erwartungen: Die Ansprüche an Schule und Lehrer sind massiv gestiegen. Lehrer müssen jedes Kind individuell abholen und optimal fördern, sie müssen Methodenvielfalt praktizieren, die Kinder zu möglichst guten Noten bringen. Die Bildungsbehörden ziehen pausenlos neue Reformen und Projekte durch, die erarbeitet und umgesetzt werden müssen. Statt dass die Schule endlich einmal etwas zur Ruhe kommt und die Lehrpersonen sich mit den drängendsten inhaltlichen Themen beschäftigen (Klassenführung, Integration von Kindern, Zusammenarbeit mit Fachkräften in der Schule, Elternkontakte), stehen die nächsten Projekte an: der Lehrplan 21 und der neue Berufsauftrag.

Lehrpersonen werden immer häufiger mit heftigen Angriffen konfrontiert. Ein Elternpaar erwartet vom Lehrer für den Sohn in Mathematik eine Sechs, alles andere ist inakzeptabel – schliesslich sind sie ja gute Steuerzahler.

Ein dritter Punkt sind die Eltern, die heute vielfach unter massivem wirtschaftlichem und psychischem Druck stehen, den sie an die Kinder und die Schule weitergeben. Lehrpersonen werden immer häufiger mit heftigen Angriffen und Respektlosigkeiten konfrontiert.

Zu viele Aufgaben und zu wenig Unterstützung durch die Bildungsbehörde und von Schulleitungen verschlimmern die Problematik zusätzlich. Viele unzufriedene Eltern gelangen heute direkt an die Schulleitung oder die Schulpflege. Die Umgehung der Lehrperson allein wäre noch nicht so problematisch, wenn Schulleitungen die Aussagen der Eltern kritisch hinterfragen und von Lehrpersonen ihre Sicht der Dinge einholen würden. In vielen Fällen geben sie Eltern allerdings vorzeitig recht, knicken bei Forderungen, Vorwürfen und Drohungen rasch ein, übernehmen die Aussagen der Eltern. Lehrpersonen brauchen starke Schulleitungen und -behörden mit einem breiten Rücken und einem systemischen Blick. In vielen Fällen werden den Lehrpersonen auch die nötigen Ressourcen für die individuelle Förderung aus Spargründen verwehrt.

Die Sparmassnahmen werden zum Bumerang, die geschilderten Zustände werden sich verschlimmern. Statt zu sparen, wären deutlich mehr Investitionen in das Kerngeschäft der Schule zu tätigen: kleinere Klassen, mehr und rasche und unbürokratische Unterstützung bei «anspruchsvollen» Schülern und Eltern, eine bessere Einbindung und Unterstützung der Eltern bei ihrer Erziehungsaufgabe usw. Für eine gute Schule müssen alle Beteiligten ihren Beitrag leisten. Dazu gehören natürlich auch die Lehrpersonen, die ihre Unterrichts- und ihre Beziehungskompetenz weiterentwickeln müssen, oder die Pädagogische Hochschule als Ausbildungsstätte, die noch vertiefter die Erfordernisse der Schulpraxis berücksichtigen sollte – die beiden letztgenannten Akteure sind hier ausgeklammert, weil sie in den Medien und der Öffentlichkeit schon seit längerem regelmässig thematisiert und kritisiert werden.

Jürg Frick ist langjähriger Dozent und Berater an der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Lesen Sie den vollständigen Artikel hier online

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