Überregulierte-Schulen, übertherapierte-Kinder, bevormundete-Eltern, chanceschulwahl

Überregulierte Schulen, übertherapierte Kinder, bevormundete Eltern. Wohin gehen wir?

Am 23. November 2016 trafen sich in Zürich 8 im Schulbereich Engagierte & das Publikum (ca. 50 Personen) zu einer Analyse des heutigen Schulsytems und einem Blick in die Zukunft. Das öffentliche Gespräch sollte Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten, Zusammenarbeitsmöglichkeiten und Perspektiven aufzeigen.

In der Schullandschaft sind sehr viele Beteiligte am Werk. Es gibt eine Vielzahl umstrittener Fragen: Lehrplan 21, Fremdsprachenunterricht, Integration usw. Und es gibt sehr viele engagierte Organisationen und Personen, die sich für die Schule einsetzen, die sich gegen Entwicklungen wehren oder sich für ein anderes Schulsystem engagieren. Oft geht es am wenigsten um die Hauptpersonen: Die Kinder.

Mit dem Slogan „Schule Vision 2022“ soll Bewegung in die verfahrene Schulsituation kommen. Ein Resumee:

Schulfragen bewegen, weil es um Kinder geht und uns alle betrifft.

In der Diskussion zeigte sich, dass es allen Engagierten ein Anliegen ist, die Schullandschaft bestmöglich einzurichten. Praktiker und Eltern erleben und beurteilen die heutige Schulsituation allerdings sehr kritisch, während diejenigen, die in der Schule bestimmen, die Situation positiv sehen oder schönreden. Diese Diskrepanz muss uns beunruhigen. Wir können heute nicht mehr verstehen, dass vor nicht allzu langer Zeit körperliche Strafen in der Schule „normal“ waren und junge Menschen wegen „moralischem Fehlverhalten“ mit Heimeinweisung oder Gefängnis bestraft wurden. Genauso wenig werden wir in Zukunft verstehen, dass heute Kinder mit Ritalin und anderen Massnahmen ruhiggestellt, für die Leistungsmessung standardisiert, und für ein zu wenig kindgerechtes Schulsystem gefügig gemacht werden und kaum jemand dagegen aufgestanden ist.

Wir werden auch nicht verstehen, dass diejenigen, die vom Schulsystem direkt betroffen sind, nämlich die Kinder, ihre Eltern und die Lehrpersonen, so wenig zu sagen haben und dass offensichtliche Leidensgeschichten als Einzelfälle abgetan werden. Jedes einzelne Kind ist es Wert, dass wir uns für bedürfnisgerechtere Verhältnisse engagieren.

Im Gespräch wurde von Podiumsteilnehmenden und aus dem Publikum immer wieder die „Freie Schulwahl“ als einzige konkrete Zukunftsvision genannt. „Warum will man den Eltern dieses Recht nicht geben?“ lautete die Frage.

Kurz-Beschreibung teilnehmende Organisationen und Personen

Werner Wunderli,
Präsident des Vereins Schule mit Zukunft
Der Verein setzt sich für praxisorientierte Schulreformen ein. Im vergangenen Jahr hat er zusammen mit den Lehrerverbänden die Initiative «Mehr Qualität – eine Fremdsprache an der Primarschule» lanciert. Am 14.11.16 wurde die Initiative vom Kantonsrat mit 96:68 Stimmen abgelehnt. Werner Wunderli ist ehemaliger Gemeinde – und Bezirksschulpfleger. Für ihn gehört zu einer guten praxisorientierten Schulentwicklung, dass in der Bildungsdiskussion die Erfahrungen der Praktiker/Lehrkräfte miteinfliessen müssen.

Pia Amacher,
Präsidentin elternlobby schweiz
Der Verein kämpft seit 20 Jahren für die freie Schulwahl. U.a. mit Petitionen bei Gemeinden, Kantonen und Bund, mit Volksinitiativen in einzelnen Kantonen und parlamentarischen Vorstössen. Der Verein ist massgeblich dafür verantwortlich, dass die «Freie Schulwahl» auch in der Schweiz bekannt wurde und diskutiert wird. Pia Amacher arbeitete viele Jahre als Lehrerin. Ihr Ziel ist, dass jedes Kind jene Schule besuchen kann, die am besten zu ihm passt. Kinder sind bekanntlich verschieden. Deshalb sollen alle Eltern unter den staatlichen Schulen eine geeignete Schule auswählen können. Zusätzlich sollen alle Eltern Schulen in freier Trägerschaft wählen können. Dafür soll es eine neue Kategorie von Schulen geben, die unter der Bedingungen öffentlich finanziert werden, dass sie kein zusätzliches Schulgeld verlangen und für alle Kinder offen sind.

Andri Silberschmidt,
Präsident Jungfreisinnige Schweiz, Initiativkomitee Lehrplan vors Volk
Die Initiative «Lehrplan vors Volk» fordert einen Lehrplan, der vom Kantonsrat genehmigt werden muss und dem fakultativen Referendum unterstellt wird. Bei weitreichenden Änderungen, gerade wenn sie umstritten sind, jeden betreffen und die Öffentlichkeit interessieren, müssen jedoch das Volk oder seine Vertreter mitbestimmen können. Nur das entspricht der demokratischen Tradition der Schweiz und nur so erhalten Neuerungen den notwendigen Rückhalt und entsprechende Akzeptanz. Andri Silberschmidt ist seit März 2016 Präsident der Jungfreisinnigen Schweiz. Für ihn bedeutet Bildung den Grundstein für eine unserer wichtigsten Ressourcen: Die Innovation. Er wünscht sich eine Schule, die dezentral organisiert ist und somit auf die lokalen Gegebenheiten Rücksicht nehmen kann. Eine Schule, die nicht nur Schwache, sondern auch Begabte fördert und eine Schule, die nicht von Gleichmacherei, sondern von Vielfalt lebt.

Rosmarie Quadranti,
Nationalrätin BDP, Schulpräsidentin Schule Volketswil
Sie ist Mitglied der nationalrätlichen Kommission Wissenschaft, Bildung und Kultur, Mitglied des Schulpräsidentenverbandes Kanton Zürich und Präsidentin KibeSuisse (Verband Kinderbetreuung Schweiz). Sie findet die heutige öffentliche Volksschule wie auch das duale Bildungssystem gut so wie sie sind, weil in der Regel Pädagogen, die den Namen auch verdienen, in der Schule arbeiten. Sie wünscht sich eine gute Umsetzung des Lehrplans 21 und frühzeitige Gedanken und Diskussionen darüber, was die Digitalisierung für die Schule und den Unterricht und die entsprechende Weiterentwicklung unserer Schulen bedeutet.

Martin Janssen, Prof. Dr.,
emeritierter Wirtschaftsprofessor und Unternehmer
Er hat in der Schweiz und in den USA viele Schulen durchlaufen und daneben in verschiedenen Betrieben gearbeitet. 45 Jahre lang hat er als Tutor, Lehrbeauftragter, Dozent und Professor an der Universität Zürich, der Hochschule St. Gallen und der ETH unterrichtet. Seit 30 Jahren ist er Unternehmer und leitet heute eine Firmengruppe mit 45 Mitarbeitern. Er wünscht sich eine Schule, in der die Wissbegierde der jungen Menschen gefördert und genutzt wird. In der vor allem das elementare Wissen (Mathematik, Sprachen (und hier vor allem die Muttersprache bzw. die Sprache des Wohnorts) gelernt wird und erst anschliessend das ergänzende Wissen in weiteren Fächern. Er wünscht sich eine Schule, in der gelernt wird, zu lernen und sich permanent weiterzubilden. Er wünscht sich einen «Markt für die Wissensvermittlung»: Unterschiedliche Schulen sollen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler treffen. Staatliche und private Schulen können hier mit gleich langen Spiessen am Ziel einer effizienten Vermittlung von Wissen und Bildung mitwirken; den Eltern könnte ein Schulgutschein (im Wert von ca. CHF 20‘000 p.a.!) übergeben werden, wo ihnen klar wird, was Ausbildung für einen Wert hat. Ein Markt für Wissensvermittlung dürfte vor allem bei den Kindern von Migranten, Kriegsvertriebenen und Flüchtlingen zu deutlichen Besserstellungen führen.

Prisca Koller,
Kantonsrätin FDP, Ökonomin und Regisseurin
Sie ist engagiert für eine liberale Wirtschafts- und Bildungspolitik und wünscht sich mehr Wettbewerb, mehr Angebotsvielfalt, mehr bedürfnisgerechte Angebote für die Kinder und mehr Mitspracherechte der Eltern in der Schullandschaft.

Allan Guggenbühl,
Prof. Dr., Psychologe, Leiter des Instituts für Konfliktmanagement und Mythodrama
Leiter der Abteilung für Gruppenpsychotherapie für Kinder und Jugendliche an der kantonalen Erziehungsberatung der Stadt Bern, Dozent für Psychologie und Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule des Kantons Zürich, analytischer Psychotherapeut mit eigener Praxis und Berater für Konfliktmanagement für Lehrpersonen und Führungspersonen von Organisationen und Schulen. Autor diverser Bücher u.a. «Die vergessene Klugheit. Wie Normen uns am Denken hindern» und «Von Gangstern, Diven und Langweilern: Einsatz von Geschichten in der Klassenführung». «Kinder haben eine Seele, sie dürfen nicht zu einer Manipuliermasse der Ambitionen der Erwachsenen werden. Die Schule muss wieder das Kind, seine Bedürfnisse und Psychologie in den Mittelpunkt stellen.»

Hannes Geiges, Dr. med.,
Kinderarzt, Initiativkomitee Lehrplan vors Volk, Interessengemeinschaft Kindgerechte Schule
Die IG Kindgerechte Schule ist ein offenes Schulforum, das den Dialog mit allen sucht, die sich für eine kindgerechte Schule einsetzen. Das Schulforum greift aktuelle Themen aus der Bildungspolitik auf und versucht, konstruktive Lösungen für zentrale Fragen aus der Pädagogik zu finden. Hannes Geiges ist einer der anerkanntesten Fachärzte für ADS und ADHS. Er übt seit über 38 Jahren eine kinder- und jugendärztliche Praxistätigkeit aus. Seit gut 20 Jahren ist er Schularzt und seit über 20 Jahren Vertrauensarzt der zweitgrössten Pensionskasse der Schweiz: dadurch erhielt er bei über 1000 Lebensläufen Einblick in die Zusammenhänge zwischen Erlebnissen und Erfahrungen aus der Kindheit, der Schulbildung, der verschiedenen Krankheiten und der späteren Arbeitsfähigkeit und Invalidität. Es erscheint ihm wichtig, dass man die bestehenden Mängel in der Struktur der Schule aufdeckt und versucht, gemeinsam mit Gleichgesinnten diese zu beheben. Er wünscht sich eine Schule nicht nur für den «Kopf» sondern auch für «Herz und die Hand». Eine Schule, die nicht nur nach den Anordnungen der «Obern» in Schule und Wissenschaft (z.B. der Professoren der pädagogischen Hochschule) und den Anordnungen der Politiker (z.B. den Hochschulprofessoren der Handelshochschule St. Gallen) bestimmt wird und darum hauptsächlich auf wirtschaftliche und monetäre Ziele ausgerichtet ist, sondern eine Schule, die sich auch nach den Bedürfnissen der breiten Bevölkerung, sprich der Basis, richtet. Er wünscht sich, dass vermehrt auf die Sorgen der Eltern, auf die Erfahrungen der Lehrpersonen, der Kinderpsychiater und der Kinderärzte gehört wird. Ausserdem wünscht er sich, dass wie in den Privatschulen, auch in der Volkschule weniger Ritalin abgegeben werden muss.

Moderation: Karin Bischof Maurenbrecher, Dr. phil.,
Vorstand Chance Schulwahl
Der Verein hat sich als Unterstützungsverein für die Schulwahlinitiative im Kanton Zürich gegründet. Das Abstimmungsergebnis 2012 hat gezeigt, dass nur gut 18% der Abstimmenden wollten, dass alle Eltern eine Schule für ihre Kinder wählen können. Die Notwendigkeit sich für ein Schulsystem zu engagieren, das dem Potential der Kinder besser gerecht werden kann, besteht aber nach wie vor und ist heute vielleicht sogar dringender geworden: Der Verein engagiert sich weiterhin.

Lesung mit: Dominique Blickenstorfer,
Autor «Meine Welt – Deine Welt. Meine Lebensgeschichte mit Asperger-Syndrom und Hochbegabung».
Er wünscht sich eine Schule, die Kinder und Jugendliche mehr im intellektuellen Bereich fördert, für spezifische Begabungsinteressen flexible Angebote schafft und für alle Schulstufen eine Fachlehrerausbildung auf Universätsebene vorsieht – wie es in Finnland seit Jahren erfolgreich praktiziert wird.

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