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Schülersorgen und Familienstress

Remo Largo, Johannes Schläpfer und Regula Späni bringen in diesem Bericht die wichtigsten Anliegen aus der Diskussion „Schülersorgen und Familienstress“ auf den Punkt.

Im Februar 2012 fand in Rapperswil-Jona eine Veranstaltung (Mitbeteiligt waren B. Ammann, A. Augsburger, Prof. E. Beck, A. Boxler, B. Crestani, Regierungsrat S. Kölliker, und Th. Rüegg) unter dem Titel „Schülersorgen und Familienstress“ statt. 650 Eltern, Lehrer und an der Schule Interessierte kamen und diskutierten 3 ½ Stunden über die Schule. Die Frustration über die Schule war allgemein und enorm gross. Der Abend förderte eine Reihe von Problemen zutage, die offensichtlich viele Menschen in unserer Gesellschaft beschäftigen. Eine Mutter meinte: Es braucht ein Erdbeben.

Druck auf die Familie

Die Eltern beklagen sich über den unerträglichen Druck, den die Schule auf die Familien ausübt. Hausaufgaben müssen kontrolliert, Prüfungen vorbereitet und die Ausarbeitung von Vorträgen unterstützt werden. Das Unterrichtsmaterial muss mit nach Hause und wieder rechtzeitig in die Schule gebracht werden, was viele Kinder überfordert. Eltern müssen auch da mitdenken, Hausaufgabenbüchlein und Schultheks kontrollieren. Die meisten Eltern kommen nicht darum herum, den Kindern den Schulalltag zu organisieren, was sie zeitlich sehr in Anspruch nimmt und
die Kinder nervt. Streit und Stress sind die Folgen, worunter das Familienleben immer mehr leidet.

Hausaufgaben

Eine Hauptursache für den Familienstress sind die Hausaufgaben. Vielfach sind es nicht nur Aufgaben von einem Tag auf den anderen, sondern sie erstrecken sich über Tage. So müssen Vorträge, Projektarbeiten wie Bücher lesen und eine Zusammenfassung schreiben, Interviews führen zusätzlich zu den Hausaufgaben in der unterrichtsfreien Zeit zu Hause erledigt werden. Zu viele Fächer, wie die zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe, ergeben zusätzlicvh mehr Hausaufgaben, mehr Prüfungen und somit mehr Vorbereitungszeit. Schliesslich erfordern die Unmengen an Lehrmitteln wie Bücher, Hefte, Übungsblätter, DVDs und Kärtchen die ordnende Mithilfe der Eltern. Die zu bewältigende Stoffmenge ist offenbar dermassen gross geworden, dass gewisse Inhalte in der Schule nicht mehr vertieft unterrichtet werden können, was zur Folge hat, dass dies die Eltern zu Hause mit den Kindern nachholen müssen. Die Schule betreibt eine Art Outsourcing. Sie delegiert das Nacharbeiten von in der Schule nicht abgeschlossenen Themen und damit schlicht das Lernen von Schulstoff an die Familie. Eltern und insbesondere Mütter fühlen sich als  Hilfslehrkräften ohne Lohn“ missbraucht.

Treibjagd mit Noten und Prüfungen

Schüler einer fünften Primarschulklasse haben über das Wochenende die 43 Teile einer Nähmaschine auswendig zu lernen. Am Montag gibt es eine Prüfung, die Notenmässig schlecht ausfällt, weshalb sie wiederholt wird. Ein absurdes, wenn auch nicht erfundenes Beispiel dafür wie die Schule immer mehr zu einer Treibjagd mit Auswendiglernen, Prüfungen und Noten verkommt und nichts mehr mit kindgerechtem Lernen zu tun hat. Die Treibjagd stellt für viele Eltern und Familien eine unerträgliche Belastung dar. Immer mehr Eltern entlasten sich – nicht aber ihre Kinder (!), indem diese in einen Nachhilfeunterricht schicken. Lern-Institute schiessen seit ein paar Jahren wie Pilze aus dem Boden. Während der Vorbereitung auf die Sekundarschule und Gymnasium wandern mehr als die halbe Klasse zur Nachhilfe. Damit ist die Nachhilfe zu einer Notwendigkeit für eine erfolgreiche Schulkarriere geworden. Wohlverstanden nicht um klüger zu werden, sondern lediglich um die Prüfungen zu bestehen. Die Schule glaubt nicht mehr daran, dass Kinder lernen wollen, sondern ist überzeugt, die Kinder müssen mit Auswendiglernen und Notendruck zum Lernen gezwungen werden. Das Schlimme daran: Auswendiglernen führt nicht zu nachhaltigem Wissen.

Mädchen sind im Vergleich mit Knaben sprachkompetenter, weniger bewegungsaktiv, fleissiger und angepasster. Was dazu führt, dass zwei Drittel aller Schüler, die irgendwelche Massnahmen oder Therapien verordnet bekommen, Knaben sind. In den Gymnasien ist der Anteil der Knaben auf 40 % zurückgegangen. Dümmer sind sie nicht die Knaben, aber unser Schulsystem mag sie nicht. Diese bildungspolitisch bedauernswerte Diskriminierung der Knaben erbittert viele Eltern. Alles in allem eine Entwicklung, die für unser Volksschulwesen höchst bedenklich ist. Denn es ist unübersehbar, dass hier eine Zweiklassengesellschaft entsteht. Wer Eltern hat, die es sich leisten können – sowohl zeitlich, als auch finanziell – ihre Kinder zu unterstützen, kommt gut durch die Schule. Kinder ohne elterliche Hilfe und vor allem Knaben bleiben auf der Strecke, – was die PISA Studien seit 10 Jahren nachweisen. Es herrscht immer weniger Chancengerechtigkeit im Schweizer Bildungssystem.

Beziehungstief

In den öffentlichen Schulen sind pro Klasse immer mehr Lehrkräfte aller Art tätig. So gibt es je nach Klasse neben der Klassenlehrkraft mehrere Teilzeitlehrkräfte, diverse Fachlehrkräfte (für Religion, Zeichnen, Handarbeit, etc.), schulische Heilpädagogen, Sozialarbeiter, Studierende der Pädagogischen Hochschule im Praktikum sowie Vertreter des schulischen Überbaus (Schulhausleiter, Schulleitung, etc.). Von offizieller Seite heisst es zwar, dass die Klassenlehrkraft die verantwortliche Ansprechperson ist. Fakt ist: Manches Schulkind ist von vier, sechs oder gar acht Lehrkräften umgeben und verständlicherweise überfordert. Für das Schulkind ist häufig nicht mehr klar, an wen es sich mit was wenden soll. Dies gilt auch für die Eltern. Kennen alle Fachpersonen die Schüler und kennen die Schüler alle Fachpersonen? Haben die Eltern überhaupt je alle Fachpersonen gesehen, die sich mit ihrem Kind beschäftigen? Vertrauensvolle Beziehungen zwischen Schülern, Lehrpersonen und Eltern sind eine Grundvoraussetzung, damit Kinder gut lernen können. Diese Voraussetzung ist – mindestens für einen Teil der Kinder – heute nicht mehr gegeben. Die Kinder wollen sich als Person, nicht nur wegen ihren Leistungen von den Lehrern angenommen fühlen.

In Elterngesprächen müssen viele Eltern die Erfahrung machen, dass ihr Kind im nicht zu den „Gewinnern“, sondern zu den „Verlierern“ gehört. Liegt das Kind mit seinen Noten unter dem Klassendurchschnitt, wird es zum „kommentierten Verlierer“. Das heisst, es genügt den Normvorstellungen der Schule nicht und muss gefördert werden. So kommt es, dass bis zur Hälfte aller – wohlverstanden normal entwickelten – Schüler sonderpägagogische Massnahmen, Nachhilfeunterricht und Therapien verordnet erhalten – mit entsprechender Mehrbelastung für Kind und Eltern. Unser Schulsystem ist immer mehr auf Defizite ausgerichtet. Schwächen sollen behoben werden, was erwiesenermassen nicht möglich ist. Die Stärken der Kinder jedoch werden als Selbstverständlichkeit angesehen und nicht weiter gefördert. Ein höchst bedauernswerte Entwicklung, die den Kindern die Freude am Lernen verdirbt und ihr Selbstwertgefühl bleibend beschädigen/beeinträchtigen kann.

Bildungspolitiker und Bildungswissenschaftler beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Reformen, neuerdings Lehrplan 21. Die Lehrer beklagen sich über einen unerträglichen administrativen und organisatorischen Druck von Oben. Und die Kinder und Eltern? Der Tag ist nicht mehr fern, wo Eltern nicht nur in grosser Zahl an eine Veranstaltung wie in Rapperswil-Jona strömen, sondern zusammen mit ihren Kindern die Schule bestreiken, um endlich gehört werden.

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