Martina Amato Homeschooling

«Lernen können unsere Kinder überall»

Martina Amato – Das Homeschooling führte diese Familie aus einer Kriese in eine Chance, die sie nutzt.

Ein Artikel von Andrea Stutz in der Surseer Woche vom 3. August 2017.

Die Kinder der Familie Schärli besuchen keine öffentliche Schule. Mutter Martina Amato Schärli unterrichtet die achtjährigen Mädchen zuhause. «Freude am Lernen» – «individuelle Bedürfnisse» – «sich austauschen». Drei Ausdrücke, die sich im Gespräch mit Martina Amato wiederholen. Einem Gespräch über das Bildungssystem, in dem sie niemandem Vorwürfe macht, aber klare Standpunkte vertritt.

Von einer schwierigen Zeit …

«Meine Primarschulzeit habe ich grundsätzlich in guter Erinnerung», sagt Martina Amato. Sie besuchte die Kantonsschule, studierte, war als Juristin in sozialen Institutionen tätig und absolvierte Weiterbildungen. Heute gibt sie als Berufsbezeichnung «Lebenskünstlerin» an. Auch dank ihrer heute achtjährigen Zwillingsmädchen. Die Mädchen besuchten eine Kinderkrippe, die Waldspielgruppe, den Kindergarten und wurden dann vor zwei Jahren in die Volksschule eingeschult. «Nach wenigen Wochen haben beide Töchter die Begeisterung fürs Lernen verloren», erinnert sich die Mutter. Es folgte eine schwierige Zeit.

… in den Alltag ohne Druck

Die Eltern sprachen mit den Lehrpersonen, «welchen wir keinen Vorwurf machen», übten Druck aus, redeten den Kindern gut zu. Die belastende Situation wirkte sich auf die Gesundheit der Familie aus. Während ein Mädchen weiterhin den Unterricht besuchte, kam das andere am Morgen nicht mehr aus dem Bett. «Die Ärztin schrieb sie krank, und ich holte jede zweite Woche die Aufgaben von der Schule nach Hause.» Aufgaben, welche die Tochter in einem Tag löste und anschliessend an ihrem Schiff weiterbaute. Ein Schlüsselerlebnis. «Unsere Situation begann sich zu entspannen, und die Idee vom Homeschooling war geboren.» Seit Januar 2016 besitzt Martina Amato die kantonale Bewilligung für Privatunterricht.

Wie die Zahl in den Rechner kommt

Die andere Tochter besuchte weiter die Volksschule. «Kinder haben unterschiedliche Bedürfnisse, auch eineiige Zwillinge.» Seit einem Jahr unterrichtet Martina Amato auf Wunsch der Mädchen beide zuhause. «Interessiert die Kinder, wie eine Zahl in den Rechner kommt, erforschen wir dies. Sehen sie in der Zeitung ein Bild von Flüchtlingskindern, gehen wir darauf ein. Entdecken sie Tiere im Garten lernen wir ihre Lebensweise.» Die Familie vernetzt sich. Experten aus ihrem Umfeld geben Wissen gerne weiter. Die Kinder sollen aus der Neugier heraus lernen. Ohne Druck. Ohne straffen Zeitplan. Ohne fixes Schulzimmer.

Freiheiten mit Schranken

Gewisse Vorgaben haben die Homeschooler einzuhalten. Der kantonale Lehrplan gilt auch da. «Diesen haben wir bis jetzt stets problemlos einhalten können.» Martina Amato kauft die Lehrbücher für die Fächer Deutsch, Englisch und Mathematik. Und ergänzt viel mit anderer Literatur oder dem Internet. Jährlich schreiben die Kinder eine Lernkontrolle, und eine Aufsichtsperson des Kantons kommt zu Besuch.

Beziehungen zu anderen Kindern

Soziale Kontakte. Danach erkundigen sich Bekannte und Unbekannte immer wieder. «Diese sind mir ein Anliegen. Natürlich haben unsere Mädchen praktisch täglich Kontakt mit anderen Kindern», sagt die Lernbegleiterin. Nachbarskinder, andere Homeschoolkinder oder Kolleginnen vom Kinderturnen. «Ich sehe wie die Mädchen die Schulferienzeit besonders geniessen: Die Schulkinder haben dann mehr Zeit und müssen nicht über den Hausaufgaben brüten.» Die Schärli-Zwillinge haben mehr Freizeit. «Schreibt der Kanton für uns aktuell 25 Wochenlektionen vor, sind es bei uns deren 14, dies wegen der praktischen Eins-zu-Eins-Begleitung.»

Keine öffentliche Beiträge

«Klar haben wir Konflikte wie andere Familien», sagt Martina Amato. Trotz ihrer Doppelrolle als Mutter und Lernbegleiterin ist sie vom Homeschooling überzeugt. «Ich will das nicht verallgemeinern und kann nur für unsere Familie sprechen. Und für uns stimmts im Moment so.» Im Ungleichgewicht sieht sie die finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand zwischen der Volksschule und Homeschooling. Für Letzteres gibt es weder an den Personalaufwand noch an Schulmaterial Beiträge. «Der Gesetzgeber sieht die Möglichkeit des Homeschooling vor, hat aber aus meiner Sicht verpasst, eine gleichwertige Grundlage für die Finanzierung zu schaffen.» Dafür engagiert sie sich auch im Vorstand der elternlobby schweiz. Sie setzt sich für eine freie Bildungswahl ein, die sich alle leisten können.

Offen für die Zukunft

Was, wenn die Kinder wieder an eine öffentliche Schule möchten? «Dann versuchen wir dies ihnen zu ermöglichen.» Gewiss sollen die Mädchen irgendwann ins Berufsleben eintreten. Dort gelten Bewertungssystem, Arbeitszeiten und Hierarchien. Wie schaut die Homeschoolerin diesem Übertritt entgegen? «Wir leben im Moment. Über den Übertritt ins Berufsleben mache ich mir heute noch keine Gedanken. Wichtig ist uns, dass unsere Mädchen jetzt mit Freude lernen dürfen.»

Lernbegleiterin Martina Amato. FOTO AST

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