Lebensgeschichte Asperger-Syndrom Hochbegabung

 

Meine Lebensgeschichte mit Asperger-Syndrom und Hochbegabung

Ein Aufruf von Dominique Blickenstorfer (geb. 1969), Autor des Buches „MEINE WELT – DEINE WELT. Meine Lebensgeschichte mit Asperger-Syndrom und Hochbegabung“ (24.2.13)

1. Es gibt kaum Schul- und Infoangebote zum Thema Hochbegabtenförderung – daher wäre eine diesbezügliche Aktivität von Elternvereinen dringend notwendig!

Diese prekäre Situation wiederspiegelt sich auch in den nur wenigen Internet-Auftritten darüber, zum Beispiel: www.migros-kulturprozent.ch/magazin, welcher der Schweizer Bildungslandschaft gute Zeugnisse für das duale Berufsbildungs-System gibt, jedoch im tertiären Bildungsbereich (nach Abschluss Sekundarschule und vor allem in den Gymnasien/Universitäten) realitätsferne Auseinandersetzungen feststellt. Zudem kritisiert www.lehrplan.ch in Bezug auf den Lehrplan 21, dass durch dessen Zerstückelung in Kernkompetenzen (Geschichte, Fremdsprachen, Mathematik usw.) die individuellen Begabungen und Förderungsmöglichkeiten durch Gruppenarbeit zu Sonderthemen wie der Astronomie usw. auf der Strecke bleiben!! Zur Behebung dieser Mankos sind Elternvereine dringend gefragt. Und zwar durch gemeinsames Stellen folgender einfachen Fragen an Politiker und Bildungsdirektionen:

  • Warum kommt das Schweizer Schulsystem so harzig voran mit individualbegabungs-freundlichen Konzepten von Kindergarten bis Gymnasium/Hochschule?
  • Warum besitzen die Schulen, die solches anbieten, keine Lobby und keinen Internet-Auftritt? (zum Beispiel Achim Arns Klasse am staatlichen Prisma-Unterstufen-Schulhaus Will SG, wo jeder Schüler/jede Schülerin nach regelmässigen Lernfortschritts-Evaluationen in Fremdsprachen, Mathematik usw. das auf ihn/sie zugeschnittene Aufgabenportfolio erhält)?

 2. Meine gescheiterte Schulkarriere – mögliche Ursachen und Lösungsideen

Mein Vater (1921) und die Mutter (1936) waren beide zeitungs-, und später vor allem auch fernsehjournalistisch tätig. So gehörten sie unter anderem Anfang der 1960er Jahre zu den Gründungsmitgliedern eines Zweiten Deutschen Fernsehprogramms, und zu den Pionieren des damals sendezeitmässig noch kleinen und in der allerersten Ausweitungsphase befindlichen Schweizer Fernsehens. Der Vater starb jedoch bereits 2 Monate vor meiner Geburt im April 1969 an einem Herzinfarkt. Bereits in meiner Säuglings,-und Kleinkinderzeit zeigen sich die Auffälligkeiten von leichtem Asperger-Syndrom (leichte Autismusform mit erschwerter sozialer Kontaktaufnahme) in folgender Weise: Die emotionelle und motorische Ausdrucksweise (z.B. spätes Erlernen des Schuhschnürens) liegt um Lichtjahre hinter der an Hochbegabung reichenden intellektuellen Fähigkeit.

Allerdings – meine Lernprozesse bezogen sich sehr viel weniger auf den schulischen und allgemeinen Lernstoff  als auf den eigenen Gedankenkreis wie Spezialinteressen an elektrotechnischen Funktionsweisen und einfachen geometrischen Konstruktionen wie Rechteck, Kreis etc. Meinen Eltern wurde durch die FachlehrerInnen und die Aussenwelt die Unterstützung verweigert und daraus folgend mein Allgemeinbildungserwerb, der sich sich nicht via Lern- und Gesprächsstoff vollzieht. Deshalb die Frage:

 Wie lassen sich solche intellektuellen Sonderinteressen vernetzt mit dem Regelunterricht fördern ? Und zwar durch SchülerInnen-Gruppenarbeit und Zusatzaufgaben zu bestimmten Interessensgebieten wie der Physik etc?

Hierzu zunächst konkrete Beispiele für meinen Eigenlernweg:

  • Das Therwiler Gemeindewappen, bei welchem ich das Grössenverhältnis zwischen grossem gelbem Quadrat mit rechts obenliegendem kleinem schwarzem Viereck der binomischen Formel a hoch 2+B mal2+c hoch 2 zuordnen konnte. Und letztere anhand des Therwiler Wappens auch auf weitere Beispiele übertragen kann.
  • Das Kindheitsangebot, in Flimser Ferienwohnungen ausgediente Fernseher zerlegen zu können. Wobei ich durch Erfragen sowie selbständigem Erwerben der Schreib- und Lesefähigkeit im 3./4. Lebensjahr und Nachschlagen im Brockenhaus erkennen konnte, dass die Anordnung der 7 Sendertasten am Grundig T 1000 color einem Trapez entspricht. Und dann viel später mit 12 Jahren die Berechnungsformel dazu fand.

3. Die Nichtunterstützung dieses mathematischen Sonderzugangs und meine schulische Problemlösung dazu

Unsere heutige schulische Wissensvermittlung, insbesondere auf Gymnasialebene, nach prüfbarem Reproduktionswissen, beruht auf Herbart, Kant und Thomas von Aquin. Währenddem Pestalozzi, Rousseau und die platonischen Dialoge dafür plädieren, in der dialogischen Auseinandersetzung die Gemeinsamkeit verschiedener Objekte zu eruieren (zum Beispiel verschiedenförmige Blätter mit dem gemeinsamen Merkmal der grünen Blattfarbe). Trotz Privatschulung trat ausser dem Grossvater und Hochschulleuten und dem 1975 besuchten Fernsehkinderhort niemand auf meine intellektuellen Sonderinteressen ein, die problemlos einen Mittel- oder Hochschulabschluss ermöglicht hätten, der aber wie gesagt systembedingt ausgeblieben ist, so dass alle Schulversuche wie Maturvorbereitung bei der Akad, Aufnahmeprüfungs-Versuch an der Uhrmacherschule Solothurn Ende Februar 1990 etc. scheitern. Und ich heute trotz überdurchschnittlicher Intelligenz von der IV und Ergänzungsleistungen leben muss! Damit zu einer weiteren Frage:

Wer hat sich schon mit diesem systemisch-gesellschaftlichen Ausschliessen solch intellektueller Sonderinteressen beschäftigt? Ist diese Intelligenz- und Bildungsfrage nicht insofern auch berechtigt, als dass der akademische Nachwuchs fehlt und die Toppositionen von Uni und ETH sehr oft statt von SchweizerInnen von Deutschen oder Indern oder anderen Nationalitäten besetzt sind?