Paragraphenreiterei versus Kindeswohl

Fallbeispiel 9: Paragraphenreiterei versus Kindeswohl

(Name der Elternlobby bekannt)

Unser Kind erwartete den Schuleintritt in den Kindergarten im Sommer 2006 freudig und fieberte dem Schuljahresanfang entgegen. Es ging anfangs freudig hin, was sich jedoch nach ein paar Wochen änderte. Immer öfters kam es mit ‚Geschichten’ nach Hause, die uns Eltern komisch vorkamen. Wir dachten jedoch „die machen das schon richtig da im Kindergarten“ und unternahmen nicht wirklich etwas.

Vor den Weihnachtsferien 2006/07 schlief unser Kind immer unruhiger, nagte an den Fingernägeln und war zunehmend schlecht gelaunt. In den Weihnachtsferien legte sich das Ganze. Wir schlossen auf Übermüdung. Nach ein paar Ferientagen legte sich die Unruhe.

Drei Wochen nach den Weihnachtsferien fing alles wieder von vorne an. Die von unserem Kind geschilderten Vorkommnisse (regelmässige üble Raufereinen, Würgereien und erpresserisches Verhalten einiger Kinder während der Aussenaufenthalte im Kiga) häuften sich. Wir stellten fest, dass während dieser Zeit keine direkte Aufsicht durch die Lehrperson stattfand. Auf die Situation angesprochen reagierten die Lehrperson und der Schulrat konsterniert und wiesen uns mit der Begründung zurecht, das hätte alles seine Ordnung.

Bis zu den Osterferien hielten wir durch. Nach den Osterferien schlief unser Kind mehrere Nächte praktisch überhaupt nicht. Die Schulrätin, welche an einer Sitzung mit der Lehrperson teilnahm meinte dazu nur ihr Kind bettnässe auch jeden Sonntagabend, wenn es am Montag in den Kiga müsse, das liege in der Sache der Natur und da müsse man halt durch.

Das Gespräch mit der Schule brachte also nichts und die ärztliche Unterstützung mit ‚sanften’ Medikamenten auch nicht. Schlussendlich beantragten wir eine Versetzung in einen anderen Kindergarten. Die Bearbeitung dieses Antrags wurde solange hinausgezögert, dass wir erst drei Tage vor Beginn des neuen Schuljahres (Sj 2007/08) einen Entscheid bekamen.

Das Ende des Schuljahres und während der ganzen Sommerferien lebte unser Kind in der Angst davor, wieder in denselben Kindergarten zu müssen. Es kam denn auch so, denn es wurde dann auch nur in die Parallelklasse eingeteilt und nicht wie wir beantragt hatten, in einen anderen Kindergarten.

Trotz grosser Bedenken, beschlossen wir es trotzdem zu versuchen. Die ersten Wochen ging es gut. Die Mutter begleitete das Kind oft in dieser Zeit. Nach den Herbstferien, ohne die Begleitung der Mutter, kam das Kind mit der ganzen Herausforderung, vor allem mit der Art der Lehrperson, nicht mehr zu Gang. Die Eltern hatten zunehmend wieder wache Nächte, weil das Kind immer sehr unruhig war, z.T. fast nicht mehr schlief. Der Arzt stellte wieder vermehrt psychosomatische Symptome wie Fingernägelkauen, nervöses Kratzen und übermässiges ‚Spiel’ mit den Genitalien fest.

Die Schule wies einen erneuten Antrag um Versetzung in einen anderen Kindergarten ab. Das Kind wäre nach Beurteilung der Lehrperson und der Heilpädagogin (welche den Unterricht mitgestaltet) gesund. Die Eltern erfänden alles nur… Auch mit einem zweiseitigen Bericht des Arztes über den Zustand des Kindes liess sich die Schule nicht auf einen Schulwechsel ein.
Da es unserem Kind im Unterricht nachweislich schlecht ging, blieb es zu Hause. Die Schule drohte mit Strafe und Bussgeldern. Die Eltern sahen sich, um ihre Glaubwürdigkeit bzw. diejenige ihres Kindes zu beweisen, gezwungen, die Aussagen ihres Kindes von anderen Eltern bestätigen zu lassen. Drei Eltern unterschrieben in der Folge, dass ihren Kindern bei dieser Lehrperson ähnliches zugestossen war. (Es ging vorwiegend um die Ausübung von psychischem Druck z.T. aber auch um körperliche Züchtigung). Die Schule blieb auch hier unbeeindruckt, stellte der Lehrperson ein gutes Zeugnis aus.

Die Schulratspräsidentin wies die Eltern darauf hin, dass sie doch eine private Schule für ihre Kinder wählen sollten. Auf die Mehrkosten aufmerksam gemacht, welche die Eltern nicht bezahlen konnten, meinte die Schulratspräsidentin, in diesem Fall wäre ein Wohnortwechsel in Betracht zu ziehen.

Das Ende des Schuljahres 07/08 war geprägt von Hin und Her der Erfüllung der Schulpflicht und dem Wohlbefinden unseres Kindes. Erst ein zweites Gutachten eines Psychologen brachte ca. 3Wochen vor Ende des Schuljahres die ‚Einigung’ mit der Schulratspräsidentin, dass unser Kind nun offiziell suspendiert war vom Unterricht. Somit hatten wir zwar die Bussdrohungen aus dem Weg. Der seelische Zustand unseres Kindes und er ganzen Familie war aber nicht so einfach ‚zu regeln’, die Erlebnisse sassen tief.

Der Übertritt in die erste Klasse war denn auch wiederum gespickt mit Schikanen der Schule. Auch ein eingeschalteter Anwalt konnte nichts erreichen. Unser Kind hatte keine Vorbereitung auf die erste Klasse, die Schule gab keine wichtigen Daten, wie zum Beispiel der Schnuppertag der Kindergärtler in der Schule, bekannt. Die Eltern waren total auf sich gestellt was die Bestimmung des weiteren Weges in der Schule anging. (z.B. EK Eintritt oder nicht). Die Situation war in grossem Masse belastend für die ganze Familie.

Eine Aufsichtsbeschwerde beim Amt für Volksschule in St. Gallen brachte erst im November 2009 (!) die Mitteilung: Die Schulbehörde habe richtig gehandelt. Persönliche Kontakte mit Behördenmitgliedern des Amtes für Volksschule in St. Gallen zeigten, dass Verständnis da ist für die Situation, sie aber nichts ausrichten können, solange von Seiten der örtlichen Schulbehörde, keine Paragraphen verletzt wurden.

Unser Kind ist noch geprägt von den Erlebnissen mit dieser Lehrperson und der ganzen Angelegenheit. Dank der Arbeit der Eltern mit ihrem Kind und einer derzeitigen Lehrperson mit weit mehr Einfühlungsvermögen als jene im Vorjahr, läuft der Schulunterricht so einigermassen.

Wir hoffen, dass unsere ‚Geschichte’ aufzeigt, wie schwierig es sein kann, wenn man das Pech hat, in einer Gemeinde zu wohnen, in der die Schulbehörde Paragraphen hörig ist, ohne den Individualfall zu prüfen. Das Wohl des Kindes ist total egal, Hauptsache die Artikel und Paragraphen werden eingehalten.

Wir schliessen unseren stark gekürzten Bericht mit der Bitte an alle Verantwortlichen, als erstes das Wohl der Kinder im Auge zu behalten und mit den Eltern das konstruktive Gespräch zuzulassen.

Unser Dank gilt all jenen, die das jetzt schon praktizieren.
3.3.2010